Was bedeutet "Sucht"
Neben den bekannten Suchtformen Nikotin und Alkohol assoziieren viele Menschen
illegale Drogen mit dem Begriff "Sucht". Der Begriff der Sucht lässt sich
soziologisch, medizinisch wie auch sozialpsychologisch beleuchten:
Soziologisch gesehen ist Sucht...
... ein sozial auffälliger Konsum.
... ein Konsum, welcher der herrschenden Ideologie entgegensteht.
... ein Mechanismus, mit dem Menschen ausgegerenzt werden.
Medizinisch wird das Phänomen Sucht in der ICD-10 (International Statistical Classification of
Diseases and Related Health Disorders, 10th Revision) von 1992 wie folgt definiert:
- Drogenmißbrauch
- gelegentlicher Konsum
- Gesundheitsschädigung durch Konsum, z.B. "Kater" nach Alkohol
- Drogenabhängigkeit
- starkes Bedürfnis nach Konsum
- anhaltender Konsum trotz Gesundheitsschädigung
- Vorrang des Konsums vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen
- Toleranzentwicklung, d.h. gegenüber Nichtabhängigen höhere Dosis für gleiche Wirkung
- manchmal körperliches Entzugssyndrom
Sozialpsychologisch wird betont, dass jedes zeitintensive Verhalten in eine Sucht ausarten kann, wenn
dem betroffenen Menschen zu wenig Zeit für seine psychosoziale Entwicklung bleibt. Sucht wird also als
ein destruktives Verhalten gesehen, das die Entwicklung eines Menschen negativ beeinflusst, sie beeinträchtigt
oder gar behindert.
Dabei wird das süchtige Verhalten...
zwanghaft wiederholt und gewinnt für den Süchtigen immer mehr an Bedeutung.
führt zu einer zunehmenden Einengung der sozialen Bezüge und zum Verlust an
Interessen und/oder Selbstkontrolle,
bei ausbleibender Befriedigung treten psychische Entzugserscheinungen auf, und
der Süchtige versucht, sein Verhalten zu
rechtfertigen, auch wenn gesundheitliche Folgen zu befürchten sind.
Zu kritisieren ist bei allen drei Definitionen, dass sie mit einem Blick von Außen auf
Verhaltensweisen von Menschen schauen. Es werden mögliche tiefergehende Ursachen beobachteter
Verhaltensweisen außer Acht gelassen.
Hier wird es in Zukunft hoffentlich noch einige Erkenntnisse aus neueren Bereichen der Soziologie wie auch
aus der Psychologie geben, um das Phänomen Sucht noch genauer zu erfassen und noch effektivere
Therapie- und Hilfsangebote bereitzustellen.
Mängel der einselnen Definitionsansätze
- Soziologischer Ansatz
- Substanzen wie z.B. Zucker erfüllen in Deutschland keine der drei Kriterien.
- Verhalten wie z.B. Arbeitssucht sind schwer zu definieren, da sie gesellschaftlich eher honoriert als sanktioniert werden.
- Medizinischer Ansatz
- Konsum und Abhängigkeit bezieht sich eher auf Substanzen.
- Sozialpsychologischer Ansatz
- Es wird außer Acht gelassen, dass Sucht ein Versuch des Menschen sein kann,
sich um etwas zu bemühen, was ihm zu fehlen scheint.
Wird versucht, über eine Sucht einen indifferenten und undefinierbaren Seelenhunger
zu stillen, so kann dieses Verhalten zu der Erkenntnis führen, dass das Unbekannte, das Erhoffte -
die Erlösung - auf diesem Weg immer unerreichbarer wird und bleibt.
Um diese Erkenntnis bereichert gelingt es zahlreichen Menschen, sich den eigenen Wüschen und
Ängsten zu stellen und über ein Ergründen und Überwinden der Ursachen der Sucht ein
"neues Leben" zu beginnen.
Dieser Weg ist sicher ein sehr langwieriger und anstrengender und für die Gesellschaft wie die Betroffenen mit erheblichen Kosten verbunden (materiell wie ideell).
Doch solange eine Sucht einem solchen Erkenntnisweg dient, handelt es sich mehr um einen - langfristig - versteckt-konstruktiven Weg zu einer tieferen Sinngebung im Leben.
Gedanken zum Thema Sucht
- Niemand entschließt sich, süchtig zu werden, aber Menschen entschließen sich, Suchtstoffe auszuprobieren und Suchtverhalten zu praktizieren.
- Eine Sucht schließt immer eine Reihe von Entscheidungen ein. Niemand "rutscht" in eine Sucht, man trifft vielmehr aktiv viele Entscheidungen.
- Mit zunehmender Intensität und Dauer verlieren Betroffene die Kontrolle über ihr Verhalten und werden zu Gefangenen der Sucht: Sie verlieren die Macht, sich aktiv zu entscheiden.
- Die Sucht rückt immer mehr in das Lebenszentrum der Betroffenen vor und drängt sich als sinnstiftender Selbstzweck der Existenz auf.
- Es kann zu einer Verlagerung sozialer Lebensräume kommen, welche in Vereinsahmung und Isolierung von der Außenwelt münden kann.